Wie viel Konsum und Hobbys braucht ein Kind? Ein Interview mit 3 Müttern.

Wenn ich an den drei Kinderzimmern bei uns Zuhause vorbei gehe, dann sehe ich meistens eins: zu viel von allem! Und das ist gar nicht urteilend gemeint, sondern eher feststellend, schließlich bin ich ja auch hierbei die Mutter (zumindest bei 2 von 3en) und beäuge mich selbst.
Meine Kinder haben eigentlich alles, was man sich so wünschen kann – und dabei würde ich noch nicht mal sagen, dass wir ihnen jeden Wunsch mal ebenso erfüllen. Aber dennoch machen wir ihnen gerne eine Freude und unsere Familien auch. Und das ist auch schön so. Aber doch kommt mir ab und an das Gefühl auf, das es zu viel ist. Zu viel des „Gut-Gemeinten“. Klar, wollen unsere Familien die Kinder nur erfreuen, wenn sie ihnen eine Kleinigkeit mitbringen, aber am Ende gibt es eben Geschenke, Geschenke, Geschenke…
Und auch die Ausflüge, Urlaube, Unternehmungen, die wir machen… für die Kinde oft Normalität, aber am Ende des Tages ja auch alles kleine Geschenke an die ganze Familie. Die Jungs spielen im Fußballverein, die Kleine möchte jetzt Turnen. Natürlich ermöglichen wir ihnen das – und bei Hobbies, die sie ernsthaft durchziehen und nicht nur aus einer Laune heraus machen, stehe ich auch voll und ganz dahinter!
Nur oft frage ich mich, wie es wäre, wenn sie das alles nicht hätten, wären sie dann auch weniger glücklich?
Bei meinen Kindern muss ich immer wieder feststellen, dass ihr Glück und ihre Freude eigentlich nicht über Geschenke oder Konsum definiert wird, sondern über die Zeit, die ihnen gewidmet wird.
Ja, wir (und auch die Großeltern!) machen viel mit unseren Kindern, wir nehmen uns Zeit, sitzen stundenlang am Fußballplatz, basteln, schreinern, gärtnern, fahren Kanu und bauen Lego. Das ist doch das, was eine Kindheit schön macht, dass da Menschen sind, die für Dich da sind, Dich stärken und Dir die Welt zeigen.
Und am Ende des Tages lässt sich ein Konsum dann irgendwie doch nicht vermeiden. Und Kinder erleben den ja mit. Da werden schnell neue Schuhe gekauft, weil die alten zerschlissen sind oder zu klein oder man ein zweites Paar Matschschuhe für den Kindergarten benötigt. Einfach so, fast normal. Und dann noch Schienbeinschoner, Fußballschuhe und Balletschläppchen.
Manchmal schaue ich mir tolle Blogs toller Mamablogger an und denke „Ey, Mist, bist Du echt so gemein und lässt Dein Kinder nur zwei paar Schuhe tragen pro Saison?“ – und dann stehe ich in unserem Flur und stolpere über all‘ die Schuhe die da stehen, während ich denke „Scheiße, was geht es uns doch gut!“. Braucht man das alles? Hängt das Glück eines Kindes davon ab, dass es für jeden Anlass ein Paar Schuhe bereit stehen hat oder das neueste Lego-Set angeschafft wird? Ist ein Kind zufriedener, wenn ich Hobbys fördere oder sogar einfordere? Oder darf ein Kind sich auch einfach mal langweilen und unzufrieden sein?
Den Anstoss zu diesem Thema gab mir die liebe Claudia von Lebensgefluester (einen Gastbeitrag von ihr findet ihr hier) – einem ganz tollen Instagram-Account. Und dann habe ich ihr einfach mal 4 Fragen zu diesem Thema gestellt, weil ich es so spannend fand, auch eine andere Meinung dazu zu hören. Und weil es so schön ist, hab ich dann noch zwei weitere Bloggerinnen gefragt: Tina von KindKücheChaos (einen Gastbeitrag von Ihr findet Ihr hier) und Kalli von Familie Krawalli.

 

Claudia von Lebensgeflüster
 

Tina von KindKücheChaos

Kalli von Famlie Krawalli
Und hier nun die Fragen und die Antworten für Euch:

Welches sind die 3 beliebtesten Spielzeuge bei Euch zuhause – und gibt es da Parallelen zu Deiner Kindheit?

Claudia: An erster Stelle steht bei uns tatsächlich das Lego (duplo) Das war zu meiner Kindheit schon das Größte. Lego bauen ist einfach wunderbar.
Mein Sohn und ich haben die schönsten Gespräche dabei, entdecken Farben und Zahlen und erschaffen die faszinierendsten Bauwerke.
Mittlerweile ist Lego Junior angesagt, die kleineren Steine, mit 4 Jahren muss ein bisschen Herausforderung her, dafür entdeckt meine Tochter die großen, bunten Steine nun für sich, allerdings noch eher auf die zerstörerische Art und Weise. Getestet wird von ihr übrigens nicht nur, ob die Steine aufeinander passen, sondern wie weit sie fliegen können und wie laut sie klappern, wenn man sie in einer Box umher rührt oder auschüttet.
An zweiter Stelle kommen jede Art von Büchern. Sehr beliebt sind die Tiptoi Bücher. Anfangs war es nur ein Buch mit einem Stift, der erzählt, mittlerweile sind es kleine Reisen aus Erzählungen, Quizspielen, Geräuschen und Liederngeworden. Wir lieben Geschichten lesen und philosophieren, mein Großer ist ein Neugieriger Junge und ich liebe es mit ihm durch die Geschichten zu reisen. Das Gute aber an den Tiptoi Büchern ist, dass Kinder sich stundenlang alleine damit beschäftigen können und nicht zwingend jemanden brauchen, der ihnen vorliest.
Früher mal Nummer 1 und vorübergehend nun auf den letzten Platz gerutscht, sind Puzzle. Es war unglaublich was er in seinen sü.en 2 Jahren gepuzzelt hat. Hochkonzentriert und zum knutschen lokalisierte er, drehte die Teile, überlegte und fand die Teile. Teilweise puzzelte er für 5 Jahre alte Kinder. Im Moment ist er eher der Entdecker, aber ich bin sicher, Puzzle werden immer angesagt bleiben.

Tina: Ich wandele die Frage mal ein bisschen ab: Autos, Bücher und draußen sein – das sind die drei Dinge bzw. Aktivitäten mit denen man unseren Zweijährigen gerade sehr glücklich machen kann. Mit seinen Spielzeug-Autos kann er sich im Moment wirklich ganz wunderbar alleine beschäftigen – einräumen, ausräumen, sortieren, aufstellen, irgendwo runterfahren lassen, ihm fällt damit immer etwas ein. Bücher anschauen und vorlesen ist gerade auch sehr beliebt, wenn es um eine gemeinsame Beschäftigung geht. Wir könnten eigentlich den ganzen Tag vorlesen, er liebt das sehr. Und ich kann Bobo Siebenschläfer inzwischen rückwärts im Schlaf vortragen. Ansonsten ist er total gerne draußen, fährt BobbyCar oder Laufrad oder spielt bei uns im Garten, am allerliebsten irgendetwas, das mit Wasser zu tun hat.
Ich habe als Kind auch sehr viel gelesen und Bücher geliebt. Das abendliche Vorlesen als Gute Nacht-Ritual haben meine Eltern lange beibehalten und ich habe das in bester Erinnerung. Das Lieblingsbuch von meinem Bruder und mir war „99 Drachen“ von Barbara Sleigh, das können unsere Eltern vermutlich heute noch auswendig… 😉 Ich habe das Buch kurz nach der Geburt des Mini antiquarisch bestellt – es gibt es leider neu nicht mehr – und hoffe, dass er die Geschichte später einmal genauso lieben wird wie ich.

Kalli: Was sich bei uns definitiv wie ein roter Faden durchzieht ist haufenweise Lego Duplo. Damit haben unsere Mädels schon immer gerne gespielt und das macht auch unser Jüngster genauso. Und das haben sowohl ich als auch mein Mann früher schon immer sehr gerne gemacht. Unser Kleinster spielt sogar mit den gleichen Duplo-Landschaften wie mein Mann damals.
Ansonsten wird hier die kleine Werkbank mit dazugehörigem Werkzeug immer ausgiebig genutzt und zu guter Letzt dürfen natürlich auch die Spielzeugautos und die Eisenbahn nicht fehlen.

Heutzutage haben Kinder und Mütter alles, was sie sich wünschen können – oder zumindest gibt es alles auf dem Markt, was man angeblich als Kind und für das Kind braucht. Wenn Ihr als Familie eine Backpacker-Reise machen würdet und Du Dich auf einen Rucksack beschränken müsstest – ginge das? Wäre ein temporäres Leben „ohne alles“ für Dich denkbar?

Claudia: Aus dem Bauch heraus würde ich sagen ,,Ja, klar, kein Problem’’ Wenn ich das dann doch mal zu Ende denke, befürchte ich zugeben zu müssen, dass es vielleicht doch eher ein ,,Nein’’ ist. Frage ich mich dann allerdings wieder : ,,Warum eigentlich nein?’’ komm ich wieder zu der Erkenntnis, dass es durchaus funktionieren würde. Am Ende muss ich die Frage glaube ich mit : ,,ich weiß es nicht beantworten’’ Ich denke, dass alles geht, wenn man sich darauf einlässt. Ich glaube fest daran, dass weniger mehr ist. Ich weiß aber auch, dass man ein Gewohnheitstier ist und das fängt ,,leider’’ dabei an, dass man frisch gewaschene Kleidung liebt… oder den Café aus der super Kaffeemaschine… oder das man ein Auto direkt vor der Tür stehen hat….. oder die Freiheit ,spontan das chice Teil aus dem Schaufenster zu shoppen oder gar das Essen per Lieferdienst zu bestellen, statt das gute alte Brot mir Butter zu wählen. Ob man das alles braucht um zu leben? Naja, den Kaffee schon…. nein wahrscheinlich nicht. Macht es das Leben ein bisschen leichter? Ja. Ist das verboten? Nein. Ich denke, dass jeder das Recht auf ein wenig selbstdefinierten Luxus hat, so lange man es als diesen auch anerkennt. All diese Dinge sind keine Selbstverständlichkeit, sie sind das gewisse Extra und ich möchte diese Art der Wertigkeit meinen Kindern durchaus nahelegen, ohne aber ein großes Thema daraus machen zu wollen. Ich wünsche mir durchaus mehr Minimalismus, ich finde man fühlt sich irgendwie weniger belastet. Also am Ende weiß ich es immer noch nicht, aber ich wünsche mir manchmal, dass ein Rucksack einfach reichen würde.

Tina: Ich muss gerade ein bisschen beim Gedanken an uns drei auf einer Backpacker-Reise grinsen. Generell bin ich eher kein Backpacker-Reisender, was allerdings nichts mit der Gepäckbeschränkung zu tun hat. Ich plane Reisen einfach gerne und bin gerade mit Kind ungern spontan unterwegs – zumindest im Moment, wenn er noch kleiner ist. Sich auf einen Rucksack für den Urlaub beschränken, das könnte ich aber bestimmt. (Wenn mein Mann das liest, lacht er sich an der Stelle bestimmt kaputt. Doch Schatz, ich könnte das!!) Meistens schleppt man das meiste Zeug ja ohnehin mit in den Urlaub und dann unbenutzt wieder zurück, wenn man mal ehrlich ist. Ein temporäres Leben „ohne alles“ – das könnte ich mir gut vorstellen, gerade im Urlaub wenn man ohnehin meistens draußen unterwegs ist. Am Meer braucht es für einen schönen Tag ja wirklich kein „Zubehör“ – außer Sonnencreme, da bin ich pingelig!

Kalli: Das kann ich nur mit einem ganz großen JA beantworten. Ich bin ein Mensch, der die Ferne sehnt. Und da ist es egal, ob wir im 5 Sterne Hotel wohnen oder unser kleines Zelt  irgendwo aufschlagen (am liebsten natürlich am Strand ;-)). Dann komme ich, aber auch die ganze Familie, für eine ganze Zeit ohne alles aus – da brauchen wir dann nur uns.

Deine Einstellung zu Hobbys bei Kindern: fördern oder warten, bis sich ein eigenes Interesse bildet? Was würdest Du tun, wenn Dein Kind gar kein Interesse hat und sich selbst genug ist?

Claudia: Die Sache mit den Hobbys oder die Tatsache ein Talent zu entdecken und dieses fördern zu wollen finde ich ein wirklich schwieriges Thema. Ich hatte ein Hobby. Ich habe es mit 6 Jahren selber gewählt. Mit 10 erkannte meine Mama und mein Lehrer mein Talent , mit 13 verließ ich mein Elternhaus und mit 18 stand ich als staatlich geprüfte Balletttänzerin als die ,,Fliederfee’’ in dem Ballett ,,Dornröschen’’ auf der Bühne. Erfolgreich beendet habe ich meine Karriere erst vor 3 Jahren. Das Erfolgsrezept, warum aus meinem Hobby eine schöne Karriere wurde, war, dass meine Eltern mir den Freiraum ließen. Ich möchte das, genau das für meine Kinder. So viele Menschen, Bekannte, Freunde, Familie, Erzieher und Pädagogen sagten uns, das unser Sohn Fahrradfahren lernen sollte. Er war gerade 3 Jahre. Ebenfalls glauben sie zu sehen, dass er körperlich begabt sei und talent für Bewegung hat. Einige sagen, er ist sehr musikalisch, andere meinen er hat ein fotografisches Gedächtnis. Ja wir sehen das auch. Aber wir sahen auch, dass er sein Laufrad liebte und wollte es nicht tauschen. Der Wunsch auf ein Fahrrad kam bei ihm ganz plötzlich von ganz alleine. Zum Geburtstag gab es eins und 1 Stunde später saß er drauf und fuhr los. Ich denke, man sollte im Auge haben, wofür sein Kind Talent hat aber dabei bedenken, dass es passieren kann, dass es daran kein Interesse hat. Das sind zwei verschiedene Dinge. Ich finde, dass ein Kind mit 2-4 Jahren, vielleicht sogar 5 Jahre kein Hobby im eigentlichen Sinne braucht, ich glaube, dass sie sich selber tatsächlich genug sind und ich finde das ganz wunderbar.

Tina: Mein Sohn ist gerade erst zwei Jahre alt, da bin ich der Meinung, dass man weder ein Hobby noch fünf verschiedene feste Termine pro Woche braucht. Wir gehen einmal in der Woche zum Kinderturnen, das macht ihm immer viel Spaß. Ansonsten entscheiden wir spontan, was wir unternehmen. Generell habe ich vor, erst einmal abzuwarten, wofür er ein eigenes Interesse entwickelt. Ich habe früher sehr viel musiziert und würde mich natürlich freuen, wenn er daran auch Freude findet. Also bringen wir ihn zu Hause ganz locker mal in Kontakt mit Instrumenten und Musik und beobachten, ob er vielleicht später Musikunterricht nehmen möchte. Und wenn er sich nicht dafür interessiert, dann ist das eben so.
Ich habe ehrlich gesagt noch kein Kind kennengelernt, dass sich für GAR nichts interessiert hat. Vielleicht nur nicht für Dinge, die im Sinne der Eltern waren? Ich glaube, es ist mit Interessen und Hobbys so ähnlich wie beim Essen: man kann als Eltern immer nur für ein schönes und ausgewogenes Angebot sorgen – die Wahl trifft dann das Kind selbst.

Kalli: Ich würde es genau andersrum machen – warten und dann fördern und auch fordern. Ich möchte meine Kinder dazu erziehen sich einerseits auszuprobieren, andererseits aber auch Sachen durchzuziehen die man beginnt. Gerade wenn es um Sachen wie Mannschaftssport geht, sollte man die anderen nicht einfach hängen lassen. Sollte sich gar kein Interesse an Hobbys entwickeln, würden wir sicherlich mal in die eine oder andere Richtung nachfühlen, aber nicht für unsere Kinder bestimmen.

Deine Reaktion auf folgenden Satz „Mama, mir ist langweilig!“?

Claudia: ,, Mama , mir ist langweilig.’’ Meine Antwort: ,,Warum?’’ ( das ist nicht lächerlich gemeint) Denn auf das Warum folgt zwar eine kurze Pause und ein verdutzter Blick, aber dann wird gegrübelt und überlegt. Manchmal bleibt es bei der Langweile, manchmal geht er den Dingen auf den Grund. Manchmal wird er unfassbar kreativ und manchmal unausstehlich. Langeweile ist ein Zustand, den ich persönlich nicht mehr kenne, es aber auch als Kind nicht schlimm fand, geschadet hat sie mir auch nicht. Meine Eltern haben mir meine Langweile nie abgenommen, indem sie dann das Entertainment übernommen haben, was heute ja viele Eltern mit ihren Kindern tun. Eltern fürchten, dass ihre Kinder sich langweilen könnten. Manche, weil sie Angst haben, sie würden ihren Kinder nicht genug bieten, andere, weil sie dann keine Ruhe mehr genießen können. Egal wie, da muss man durch. Als Kind und Erwachsener. Und ich glaube, dass Langweile der beste Förderer für die Kreativität und das Wissen eines Kindes ist.


Tina: Mein Sohn kann diesen Satz im Moment noch nicht sagen und mit dem Wort langweilig glaube ich auch noch gar nichts anfangen. Mit zwei Jahren ist die Welt an sich noch so spannend und interessant, dass einfach keine Langeweile aufkommt. Wenn er aber doch mal „wie Falschgeld“ durchs Wohnzimmer tigert und nicht in eine Beschäftigung findet, mache ich im Moment einfach die Gartentür auf. Da findet er immer etwas Spannendes – ich bin gespannt, wie sich das entwickelt, wenn er älter wird!


Kalli: Wenn es die Zeit zulässt – ab nach draußen!

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