Zu Gast: Von den Dingen, die passieren und denen, die wir entscheiden.

Heute habe ich einen ganz tollen Gast-Beitrag für Euch: Claudia von @lebensgefluester hat beide Geburten ihrer Kinder noch mal in Worten durchlebt – es hat mich zu Tränen gerührt, ihren Beitrag zu lesen. Das „Lustige“ daran, es hat mich sehr an die Geburten meiner Kinder erinnert. Es ist einfach wahnsinnig emotional, die Gedanken und Gefühle einer Mama über diesen besonderen Augenblick zu lesen. Manchmal läuft es eben nicht, wie geplant… Und nun der Beitrag für Euch:

,,Sie bekommen einen Jungen’’ und alles was ich dachte, war : ich wusste es. Ja genau. Ich wusste es und das schon fast von Anfang an. Mir fielen nur Jungennnamen ein. Ich schaute intuitiv nach Jungenkleidung. Doch 99 % der Menschen um uns herum waren der Meinung, ich sei die typische Mädchenmama und mein Mann der typische Papa dafür. Was ist denn überhaupt typisch? Wie auch immer, es würde ein Junge werden und ich war so glücklich.

Wir waren so glücklich. Es war die Zeit unseres Lebens. Ich war mit sofortiger Wirkung im Beschäftigungsverbot und mein Mann machte sich gerade selbstständig. Wir hatten nie so viel Zeit zusammen. Wir kannten keine Uhr, keinen Wochentag, keine Termine. Alles was wir am Tag vor hatten war -leben- und das in vollen Zügen. Wir schliefen lang und gingen spät ins Bett, wir frühstückten fast immer ausserhalb und ließen uns nie sooft von Yoko Sushi verwöhnen. Wir hingen faul rum und schauten Serien oder gingen wann wir wollten, wie wir wollten, wohin wollten. Es war einfach nur schön. Mir ging es super. Ich schaute zu, wie sich mein Körper veränderte. Ich fand es manchmal mulmig, keine Kontrolle darüber zu haben. Als Hochleistungssportler ist man es gewöhnt, dass man seinem Körper vorgibt, was er tun und wie er aussehen soll. Jetzt sollte es mal anders herum sein. Aber ich lies mich darauf ein und tatsächlich freute ich mich um jeden cm mehr. 

Meine erste Schwangerschaft war ein Traum. Die letzten Wochen waren zwar hart -das Übliche, Wasser, rund, müde, aufgeregt- aber es war auszuhalten. 

Ostersonntag ging es dann plötzlich los. Mit Wehen. Sind das welche? Oder doch nicht? Was sagt die Uhr? Sollen wir ins Krankenhaus? Ja. und wir fuhren. 

An einem Ostersonntag im Jahr 2013. Und obwohl wir fast sicher waren, dass man uns wieder nach Hause schicken würde, war dem nicht so. Wir blieben.

Der Muttermund war 2 cm offen und die Wehen regelmäßig und leicht. Wir waren entspannt. Die Hebammen waren entspannt. Es war ruhig. Mein Mann und ich genossen die Zeit und die Vorfreude stieg von Stunde zu Stunde. Wir machten Unsinn und lachten und wir hatten echt Spaß. ,,Wenn das so easy ist, dann bekommen wir noch 100 Kinder’’ scherzte ich. Und dann… so von Stunde zu Stunde mehr, fragten wir uns langsam, wie lange es wohl noch dauern würde. Und dann öffnete sich die Tür: Die Schwester, die uns aufgenommen hatte, kam rein und verabschiedete sich von Ihrer Schicht. ,,Ich dachte wirklich, ich wäre noch dabei, wenn sie Ihr Kind bekommen. Ich wünsche Ihnen alles Gute’’. Wenig später kam eine weitere Schwester und erklärte uns, dass sie uns verlegen müsste….. Wir waren mittlerweile 12 Stunden im Kreissaal und musste Platz machen für die, die schon richtig heftige Wehen hatten. Nach Hause schicken wollten sie uns aber auch nicht. Also ging es auf Station. Am Abend aßen wir Pizza und scherzten über die Situation, obgleich ich immer trauriger wurde. Ich habe mich später dann selbst entlassen, ich war nicht scharf drauf, im Krankenhaus rumzusitzen, zumal Badewanne und all der Hokuspokus den wir weiter versuchten nichts gebracht hatte und so saßen wir Ostermontag, immer noch zu 2, immer noch mit gepackter Kliniktasche und immer noch ohne Baby zu Hause. 

Und dann, kam das was man wirklich die Geburt nannte. Ich hatte ja keine Ahnung. ,,Von wegen 100 Kinder.’’ dachte ich mir. Von Dienstag zu Mittwoch bestand die Nacht nur darin Wehen wegzuatmen. Morgens platze beim Gynäkologe die Fruchtblase und es ging endlich los. Im Krankenhaus begrüßte uns die Schwester, die uns schon am Wochenende aufnahm und freute sich, nun auch dabei sein zu können. 

Der Muttermund war 4 cm offen, die Wehen so wie sie sein sollten, Baby und Mama in bester Verfassung. Alles war wie im Bilderbuch. Mein Mann und ich waren ein super Team, genau wie am Wochenende zuvor, nur das es jetzt tatsächlich schmerzhafter war. Plötzlich hatte ich das Gefühl, es ginge nicht weiter. ,,Ich glaube er hängt’’ ,,Nein, nein…. Wir können das Köpfchen schon spüren, nicht mehr lange und sie halten ihr Baby im Arm’’. Mein Mann und ich standen uns gegenüber und hielten unsere Hände und waren jetzt schon glücklich. Wir sahen die Tränen des anderen in den Augen die Millionenfaches Glück bedeuteten und wir verstanden jedes einzelne Wort, ohne es auszusprechen. 

Keine 5 Minuten später ging die Tür auf. Ein ganzes Team mit Kitteln und Mundschutz ,,stürmten’’ das Zimmer, schoben meinen Mann beiseite, legten mich auf mein Bett und erklärten mir im Zeitraffer, dass sie einen Kaiserschnitt machen müssten. Irgendwer hielt mir ein Papier zum unterschreiben hin. Ich wusste nicht was passiert. Was ist hier los?

Herztöne? Gefährlich? Wo ist mein Mann? ich habe Angst. Und wenig später sah ich im OP die Maske auf mich zu kommen und schlief ein. Mein Mann hielt ca 15 Minuten später unseren Sohn in den Armen und ich? Ich brauchte noch. Ich kenne nur meine Seite der Geschichte und kann nur erahnen, wie es meinem Mann ergangen sein muss, als er sein Baby im Arm hielt und nicht wusste, was mit seiner Frau ist. Ganze 2 Stunden später lag ich im Zimmer bei Ihnen, mein Sohn verbrachte die erste Stunde auf dem Bauch seines Papas und dann legte man ihn in meinen Arm, als ich langsam aus der Vollnarkose erwachte. Alles was ich immer wieder sagte war: ,,Mein Bauch tut so weh’’ dann schaute ich den kleinen Mann an und flüsterte: Ach du warst da drin’’ dann schlief ich wieder ein. 

Mein Mann erzählte mir, dass das über 2 Stunden so ging. Alles was davor so bilderbuchartig war, wurde für einen kurzen Moment so sehr erschüttert. Wie glücklich man ist, sein Kind in den Armen zu halten, weiß jeder, wenn er schon mal Mama oder Papa wurde. Wie glücklich man ist, sein Kind im Arm zu halten, wenn man so Mama und Papa geworden ist, kann man nicht beschreiben. Ich glaube in erster Linier ist es unendliche Dankbarkeit.

Mein Bauch schmerzte wahnsinnig, wie Frauen freiwillig so schmerzen durchhalten können, war mir ein Rätsel . Alles tat weh. Jede Bewegung. Jede noch so kleine Drehung , vom niesen und husten ganz zu schweigen und laufen? Niemals dachte ich, dass eine Tänzerin mal das laufen neu ,,veruschen’’ müsste. Ich konnte mich nur schwer erinnern, wie und was passiert ist und vor allem warum. Ich bekam noch 2 Bluttransfusionen und man wollte mich auch nach 5 Tagen ungern entlassen. Ich war blass, müde und erschöpft und hatte wirklich zu kämpfen, aber dennoch war ich der wohl glücklichste Mensch der Welt.

Egal wie furchtbar das Ende der Schwangerschaft war. Egal, welcher Schmerz, welche Angst und welche Sorgen… er war bei uns. Unser Sohn war endlich bei uns. Er war hier und ich konnte ihn halten. Ich konnte an ihm riechen, seine Hand halten und ihm endlich ins Ohr flüstern wie sehr ich ihn liebe. Und etwas, auf das ich mich so unendlich lange gefreut hatte….. Ich konnte ihn endlich seinem Papa vorstellen. 

Ich war Mama. Alles was ich in den letzten Wochen und Monaten sein wollte, war ich nun und ich schwor auf ewig auf ihn aufzupassen.

Als unser Schatz ein bisschen älter als 1 Jahr war, planten wir ein Geschwisterchen. Ich selber habe einen Bruder und finde die Bindung einfach unbezahlbar. Ich habe so viele tolle Momente mit meinem Bruder, ich wünsche mir die gleichen für meine Kinder. Ich wurde nicht ganz so schnell schwanger wie bei unserem Sohn, aber es klappte trotzdem schon bald und wir waren glücklich.

Auch dieses Mal war ich sofort wieder im Beschäftigungsverbot, denn ich hatte nach einem Jahr wieder angefangen am Theater zu tanzen. Diesmal war die Schwangerschaft anders. Wir schliefen nur bis 7:00 Uhr, wir waren nur halb so spontan, guckten nur ein Miniteil Serien von dem was wir in der ersten Schwangerschaften sahen und aus Sushi wurden Butterbrote, aber….. wir waren zu dritt und ich liiiiiebte es. Ich hatte so viel Zeit für meinen Großen und ich denke er genoss es auch.

In der Zeit zogen wir dann auch von Leipzig nach Berlin. Und wir erkundten Tierpark und Spielplätze und machten Eisdielen ausfindig. Genau wie bei unserem Sohn, lief alles problemlos und absolut bilderbuchartig. Keine Komplikationen. Keine Schmerzten. Keine Zwischenfälle.

Diesmal würde ich es ,,normal’’ schaffen. Ich meine, was heißt schon normal…. aber sagen wir ,,natürlich’’. Ich war so überzeugt und absolut nichts würde etwas daran ändern.

Und dann … knapp eine Woche vor dem errechneten Endbindungstermin, sah es so aus als sei unser Mädchen zu schwer. Sah es so aus, als sei mein Becken zu schmal. Sah es so, als könnte es noch mal so dramatisch ausgehen. Und wir fragten uns, ob wir wieder so viel Glück hätten. Und ob es eine gute Idee sei, es zu riskieren. Es war uns nie so bewusst, aber als wir da so standen, zusammen als Familie, im 9. Monat schwanger , wurde uns das erste mal so richtig bewusst, wie traumatisch die Geburt war. Was da wirklich passiert war. Wir haben das nie ausgewertet oder gar überbewertet. Haben nie ,,was wäre wenn’’ gespielt oder es uns immer und immer vor Augen gehalten. Es war abgeharkt. Abgehakt von dem Moment an, als wir damals zu Dritt durch unsere Tür sind. 

Doch diesmal wussten wir zu viel. Diesmal kannten wir das Risiko. Diesmal hatten wir : Angst. Und am Ende siegte die Angst, der Respekt vor den Risiken. Die Sorge nicht noch einmal so viel Glück zu haben. Die Angst unser Mädchen zu verlieren. Die Angst meines Mannes mich vielleicht zu verlieren. Denn die Gefahr bestand. Das sagte man ganz klar.. Würden wir wieder in solch eine Situation geraten  könnte es nicht so gute ausgehen. Dazu kam ein Risiko, dass bei unserem Sohn noch nicht da war: Eine bereits vorhandene Narbe. 

Und nie niemals hätte ich es für möglich gehalten und es fiel mir alles andere als leicht, aber Millionen Tränen später, entschieden wir uns für einen geplanten Kaiserschnitt. 

Ich sage bewusst wir, auch wenn mein Mann mich das ganz alleine entschieden lies. Er sagte: ,,Wenn du es natürlich probieren willst, dann bin ich da und wir schaffen das und ich werde deine Hand halten und sie nicht loslassen.’’ 

Aber er hatte Angst. Er hat nie Angst, aber diesmal konnte ich sie in all seinen Zügen sehen. Wir erzählten niemandem davon, ausser der Familie, weil wir uns nicht rechtfertigen wollten, weil es mir nicht leicht fiel, weil ich keine Aufmerksamkeit und auch vermeiden wollten, dass wir einen Tag vor dem Termin hundert Nachrichten bekommen. 

Wir wollten es genauso intim und persönlich halten, wie beim ersten Mal. Es sollte so spontan wie möglich bleiben. Ich hatte eine Woche Zeit mich daran zu gewöhnen, dass mein Baby auf ,,Bestellung’’ kommen würde. Ich hatte eine Woche mir zu sagen, dass es ok ist. Eine Woche, um mir immer wieder selber zuzusprechen, dass es kein Versagen sondern verantwortungsvoll war.

Wir waren so aufgeregt. Wir fuhren morgens um 6:00 ins Krankenhaus. Oma passte auf den Großen auf. 

Um 8:00 war die OP angesetzt. Bis zur letzten Minute hatte ich noch darauf gehofft, dass unser Mädchen sich vielleicht doch selber auf den Weg machen würde, aber so war es nicht.

Und dann saß ich da. In meinem Kittel. Model Rückenfrei. Und merkte nur den kleinen Pik. Ich zitterte schon die letzte halbe Stunde. Ich konnte es nicht kontrollieren. Meine Muskeln zuckten und kein ,,tief ein, tief ausatmen’’ wollten sie bezwingen. 

Dann lag ich da. Mein Mann war bei mir. Auf die Frage: ,,Spüren sie das noch?’’ antwortete ich vorsichtshalber mit ,,ja’’ aus Angst, ich wäre noch nicht richtig betäubt. Und dann ging es los. Ich spürte alles, nur keinen Schmerz. es war völlig schmerzfrei. Es ruckelte und es kam mir eigenartig vor, dass ich nicht mithelfen konnte. Und dann hörte ich den Arzt sagen: ,,so – der Kopf ist da’’ und im gleichen Moment konnte ich fühlen, wie sie aus mir rausgehoben wurde und nur eine Millisekunde später hörte ich es. Das wohl wundervollste Geräusch der Welt: den ersten Schrei. 

Ich weinte. Ich konnte nicht aufhören. Ich lachte. Ich weinte. Ich wusste nicht, wie mir geschieht. ,,Da ist sie. Da ist sie’’ sagte ich ,,Deine Mama ist hier’’ und nach nur wenigen Minuten hielt mein Mann sie im Arm und mir an die Wange und den Rest der Zeit im OP waren wir zusammen. 

Das also war es. Das war der Moment. Der Moment auf den ich so lange gewartet hatte. Der Moment, der uns beim ersten Mal genommen wurde. Es war wunderbar. Zauberhaft. Magisch. Egal ob mit OP oder spontan. Eine Geburt bleibt eine Geburt. Der erste Schrei bleibt der erste Schrei und diesmal war ich dabei. Ich hatte trotzdem Schmerzen, und die Nachwehen waren schlimm und ich musste mir immer wieder sagen, dass es ja immer noch eine Bauchoperation war, egal ob nun diesmal gewollt und geplant. Doch all die Zweifel, all die Sorgen, ob ein geplanter Kaiserschnitt eine gute Entscheidung sein würde, waren mit einem süßen Schrei verflogen. 

Alles was blieb, war pures Glück, absolute Dankbarkeit und vollkommende Viersamkeit.

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