Müssen Kinder immer funktionieren?

Mädchen vor schönem Hintergund

Erst mal vorweg: blöde Frage natürlich. Denn es sind ja keine Gegenstände, um die es hier geht. Aber manchmal könnte man schon das Gefühl bekommen, dass viele Menschen es anders sehen. Warum ich darüber heute schreibe? Naja, aus gegebenem Anlass sozusagen – oder besser: aus einer Situation heraus, die mich emotional sehr getroffen hat. Aber am besten fange ich mal vorne an.

Gestern sollte ein großer Tag werden für meine Tochter. Erst ein Ausflug mit dem Kindergarten, dann eine Probetanzstunde beim Kindertanzen und dann auch noch obendrein die große Rückkehr von Paul, dem Sohn meines Freundes (sie vergöttert ihn). Genauso erzählte sie es vorgestern und auch am Tag selbst morgens. Sie freute sich, sehr sogar! Schon Tage vorher packte sie ihren Turnbeutel fürs Tanzen. Süß, oder?

Wir haben schon mal beim Kinderturnen vorbei geschaut und auch beim Fußball, aber so richtig passte es nicht für Paula. Aber Tanzen, das fand‘ sie eine großartige Idee!

Jetzt wohnen wir ja im ganz weitgesteckten Speckgürtel von Köln und haben bei uns im „Städtchen“ nicht die größte Auswahl. Genau genommen gibt’s nur 2 Möglichkeiten in der Nähe. Also vereinbarte ich bei der ersten Tanzschule eine Probestunde für einen Kindertanzen für 3-5jährige. Paula ist ja schon 5, aber für den Anfang schien mir das ganz sinnvoll.

Also ging es für uns Beide dorthin, mit viel Vorfreude und dem gepackten Turnbeutel.

Als wir die Tanzschule betraten, saßen schon viele Mütter mit und ohne Kinder im Eingang. Wir wurden beäugt, irgendwie fühlte ich mich plötzlich wie damals mit 14 Jahren, als ich meine Tanzschul-Karriere startete. Am Anfang gehörst Du eben einfach nicht dazu – das Tanzschul-Metier ist ein sehr spezielles, wie ich finde.

Aber natürlich ließ ich meine Tochter meine Gedanken nicht spüren. Wir meldeten uns an und Paula konnte sich umziehen, bis die Tanzlehrerin kommen sollte. Gesagt, getan.

Paulas Plan war eindeutig, dass ich erst mal zuschaue, wenn sie die Probestunde macht. Ehrlicherweise, dachte ich das auch. Aber dann kam die Tanzlehrerin.

Sie brachte die vorangehende Tanztruppe zu den wartenden Müttern und kaum hatte sie die ersten Worte gesprochen, fing Paula an zu weinen. Sie klammerte sich an mich. Mein erster Gedanke: typisch meine Tochter! Mein zweiter Gedanke: ich fühle mich auch nicht wohl hier.

Tja… Paulas Tränen lockten die Tanzlehrerin natürlich direkt zu uns. Mit schroffer Stimme und amerikanischem Akzent wollte sie Paula mitnehmen, ohne dass ich etwas sagen konnte, wie z.B. „Wir sind heute mal zu einer Probestunde hier“ oder ähnliches. Aber Paula verweigerte sich natürlich.

Hätte ich in anderen Situationen meine Tochter ermutigt, über ihren Schatten zu springen, spürte ich, dass genau das in diesem Moment nicht das Richtige gewesen werde.

„Wie heißt Du denn?“ fragte die leicht aggressiv klingende Stimme. Keine Antwort meiner Tochter, dafür ein noch verzweifelterer Blick.

„Wie alt bist Du denn bitte?“. Jetzt klang die Stimme schon fast drohend. Auch diese Frage blieb natürlich unbeantwortet.

„Wer so ein Baby wie Du ist und so weinen muss, der darf hier sowieso nicht tanzen!“

Was???? Wie bitte?

Während meine Tochter immer verzweifelter war und wirklich total verängstigt wirkte, war ich sprachlos. Das hat die doch nicht wirklich gesagt?

Doch, das hatte sie. Alle anderen Mütter schauten natürlich auf uns.

Ich räusperte mich kurz, nahm meine Tochter in den Arm und tauchte aus meiner Sprachlosigkeit, die sich langsam in total Wut verwandelte auf und sagte: „Ich glaube, wir sind hier wirklich nicht richtig. Das ist nicht der richtig Ansatz für mich und uns.“

Am liebsten hätte ich ihr natürlich gesagt, wie sie auf die Idee kommt, dass ein Kind sich einer völlig unbekannten Frau öffnet, die es so dermaßen aggressiv angeht. Aber das wäre nicht gut ausgegangen und meine Tochter hätte eine noch viel schlimmere Situation erlebt.

Die Tanzlehrerin zog auf jeden Fall beleidigt (mit den sich fügenden Kindern) ab und ich machte nur eins: meine Tochter ganz festhalten.

Mittlerweile brach es aus Paula alles heraus. Sie weinte so bitterlich, ich hätte am liebsten mitgeweint.

In der Garderobe dann eine Mutter: „Tja,  so ist sie, man muss mit ihr umgehen können. Meine Tochter hat sich am Anfang genauso gewehrt und mittlerweile liebt sie sie.“. Ich schüttelte nur den Kopf und mir blieb nicht mehr zu sagen, als „Für mich ist das ein so übergriffiges Verhalten und ich weiß nicht, wie man denken kann, dass ein Kind sich dann motivieren lässt.“. Viel sagende Blicke wurden zwischen den anderen Mamas ausgetauscht. Lag‘ ich denn bitte so falsch?

Mit aller Bestimmtheit kann ich eins sagen: nein! Denn wenn meine Tochter ernsthaft weint und total ängstlich wirkt, dann ist es einfach nicht das Richtige. Ganz egal, ob es vielleicht für andere Kinder dort richtig ist.

„Es ist alles gut, Paula. Ich verstehe Dich. Du musst hier nicht tanzen. Wir fahren jetzt nach Hause.“

Auf dem Heimweg beruhigte sie sich langsam, wir hörten lautstark „Rolf Zuckowski“ und sangen mit.

„Mama, was sage ich denn morgen im Kindergarten, wenn die mich fragen, wie es beim Tanzen war?“

„Sag‘ es so, wie es war: die Lehrerin war blöd zu Dir und wir probieren es woanders noch mal.“

„Mama, die war aber auch blöd, oder? Die hat gesagt, ich bin ein Baby!“

„Ja, mein Schatz, ich hätte da an Deiner Stelle auch nicht mittanzen wollen! Aber beim nächsten Mal haben wir bestimmt das Glück und da ist eine ganz tolle und nette Tanzlehrerin  – oder ein Lehrer!“

Alles war danach wieder in Ordnung, die Tränen getrocknet und die Angst verflogen. Aber ich war nachdenklich. Ich fragte mich noch Stunden danach, warum man mit Kindern so umgeht. Und ich fragte mich auch, ob ich meine Kinder schon mal einer vergleichbaren Situation ausgesetzt hatte. Ich muss nämlich zugeben, dass ich sonst eher nach dem Motto agiere „Ach, da müssen die auch mal durch!“. Aber ganz ehrlich: das wollte ich nicht. Ich wollte doch nicht, dass meine Tochter beim Start eines Hobbies Angst verspürt. Selbst wenn sie am Ende kein klassisches Hobby hat, weil sie noch nicht soweit ist, sich nicht gut trennen kann oder oder, ist sie dann weniger glücklicher? Ich bin an den Punkt gekommen, dass ich weiß, das ich so etwas nicht erzwingen kann und dies auch nicht erzwingen möchte.

Bisher haben mir meine Kinder immer noch gezeigt, dass sich vieles einfach entwickelt, mal mehr, mal weniger Zeit braucht, aber am Ende einfach wird. Ich möchte nicht, dass andere Leute die Möglichkeit haben, Druck auf meine Kinder auszuüben, ihnen Angst zu machen oder ihnen das Gefühl zu geben, sie seien nicht richtig. Denn Kindern können nicht immer so funktionieren, wie man es eben gerne hätte. Ja, meine Tochter tut sich oft schwer, sie zu trennen, sie hasst Verabschiedungen, egal welcher Art. Aber wenn sie weiß, was sie will, dann steht sie so voll und ganz dahinter, dass es kein halten mehr gibt. Und hey, ist das nicht an sich eine supertolle Eigenschaft?! Und wenn sie am Ende nie einen Tanzkurs besucht hat, „So what!“ da kräht doch kein Hahn nach.

„Mama, kann man eigentlich auch einen Kurs fürs Singen besuchen?“

„Ja, das kann man, im Chor und beim Gesangsunterricht.“

„Vielleicht probiere ich das dann irgendwann mal aus?“

„Ja, natürlich, das kannst Du! Du kannst alles ausprobieren und dann schauen, was Dir am Ende so richtig Spass macht.“

 

 

 

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Müssen Kinder immer funktionieren? Ein Besuch in der Tanzschule lässt mich nachdenken.
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Sarah Vianden
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8 Kommentare

  1. Liebe Sarah!
    Das ist wirklich allerhand! Deine Arme Tochter! Ich wäre auch sofort gegangen. Aber wahrscheinlich hätte ich in der Tanzschule meinen Unmut geäußert oder gehört der Lehrerin die Schule?

    Ihr habt bei der anderen Tanzschule bestimmt Erfolg!

    Liebe Grüße
    Isa

    1. wp.priseliebe.adm sagt: Antworten

      Liebe Isa,

      Danke für Deinen Kommentar! Ja, ich dachte auch erst „ich beschwere mich!“, aber ich wollte vor meiner Tochter nicht „so eine Welle machen“. 😉
      Liebste Grüße!
      Sarah

  2. Oh je…. es muss eine wirklich doofe Situation gewesen sein. Ich finde du hast das toll gelöst. Ich wäre bestimmt an die Decke gegangen, was nicht förderlich gewesen wäre, ganz sicher.

    Ich bin sicher sie findet noch das richtige Hobby und du hast dann bestimmt das richtige Gefühl dabei.

    1. wp.priseliebe.adm sagt: Antworten

      Liebe Lori! Ja, wir haben es überwunden und sind gespannt, wie es im nächsten Kurs läuft! 😉

  3. Yasmin sagt: Antworten

    Müssen denn Lehrerinnen / Frauen / Tanzlehrer*innen / Menschen die mit Kindern arbeiten IMMER funktionieren und fehlerfrei sein? Und dann diese wertende Aussage: „Die Lehrerin war blöd „. Und sie dachte sich,dasa Kind war blöd.

    Menschen sind Menschen und keine stets perfekt funtionierenden Roboter.

    1. wp.priseliebe.adm sagt: Antworten

      Liebe Yasmin! Danke für Deinen Kommentar. Ich gebe Dir Recht, dass Erwachsene genauso wenig wie auch Kinder immer funktionieren müssen. Ich bin aber der Meinung, wenn man seinen Job danach aussucht, mit 3 bis 5 jährigen zusammen zu arbeiten, dass man dann auch seine Emotionen und seine Art soweit im Griff haben muss, dass man Kinder nicht verletzt. Es ist ja nicht so, dass sie es ehrenamtlich macht, sondern es ist ihr Job! Ich muss in meinem Job auch den richtigen Umgang wahren – und das ist das Einzige, sorum es mir hier ging! Schade, dass Du es auf diese Art aufgefasst hast. Lieben Gruß,
      Sarah

  4. Puh, ich hab grad deinen Artikel gelesen und bin geschockt. Wie kann man denn bitte generell so mit Kindern umgehen. Ich hätte wahrscheinlich (wenn es nicht die Besitzerin selbst ist) der Besitzerin Bescheid gegeben warum sie einen Jahresvertrag weniger hat;)
    Aber Hut ab, du hast die Situation echt supertoll für deine Tochter gemeistert 🖤.
    Lg Viktoria

    1. wp.priseliebe.adm sagt: Antworten

      Liebe Viktoria,

      danke, ja… die Situation war echt nicht einfach… 😉

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